062Fröhliche Weihnachten

Hoch oben in einem kleinen Bergdorf lebten der Sepp und seine Frau Marie. Beide waren schon hoch in den Siebzigern, aber ihren kleinen Hof und die Tiere versorgten sie noch wie eh und je.

Seid langem beobachtete Marie voller Sorge, dass ihrem Sepp die anstrengende Arbeit immer schwerer fiel. Seine früher so kraftvollen Bewegungen waren in der letzten Zeit mühevoller geworden und wenn er sich unbeobachtet glaubte, führte er sogar Selbstgespräche.

Wenn sie in den Spiegel schaute, sah sie erstaunt in das Gesicht einer alten, grauhaarigen Frau, mit vielen Furchen in der braunen, von der jahrzehntelangen Arbeit in Wind und Wetter, lederartig gewordenen Haut.

In den Tagträumen, die sie sich im Winter häufig erlaubte, weil es nur wenig für sie zu tun gab, sprach sie mit dem Engel, der ihr irgendwann erschienen und seitdem ihr ständiger Begleiter geworden war.

Der Engel war stets an ihrer Seite, spendete Trost, wenn sie an ihren Sohn dachte und hörte zu, wenn sie von seinem Lachen und über seine kindliche Lebensfreude sprach.

Sie erzählte dem Engel, wie ihr Hans mit den Tieren redete, die damals seine Freunde waren. Die Rehe, Eichhörnchen, Hasen und Füchse waren seine liebsten Spielgefährten.

Sie hörten auf die Namen, die er ihnen gegeben hatte, ließen sich streicheln oder auf den Arm nehmen und fraßen ihm aus seiner kleinen, immer ein wenig schmutzigen Hand.

Die Vergänglichkeit allen irdischen Lebens und die Endgültigkeit des Todes, waren ihr in den letzten Jahren sehr bewusst geworden und stimmten sie oft wehmütig.

Es war nicht immer einfach gewesen, mit dem sturen und oft jähzornigen Sepp und ihrem willensstarken Sohn.

Ihr Sohn, der Hans genannt wurde, aber eigentlich Johannes hieß, war irgendwann von Zuhause fort gegangen. Er war Schiffskoch geworden und bereiste auf einem großen Frachter die ganze Welt.

Obwohl sie nicht mehr als drei oder vier Briefe übers Jahr verteilt von ihm bekamen, hielten sie jeden Tag Ausschau nach dem Postboten.

Früher war der Hans an Weihnachten immer nach Hause gekommen.

Während das weihnachtlich geschmückte Haus nach Bratapfel, Tanne und selbstgebackenen Weihnachtskeksen duftete, konnte man den Gesang der alten Weihnachtslieder hören und drei vor Liebe und Glück strahlende Menschen sehen.

Seid 18 Jahren war der 24. Dezember aber ein trauriger Tag für sie, denn seit damals war ihr Sohn verschollen. Das Schiff auf dem er fuhr, war gesunken und die gesamte Besatzung dabei ums Leben gekommen.

Der Körper ihres Sohnes war jedoch niemals gefunden worden und so warteten sie, ganz besonders zur Weihnachtszeit, auf seine schweren Schritte und sein lautes Klopfen an der alten Eichenholztüre.

Jedes Jahr gegen Ende Oktober, ging der Sepp, um nach einem geeigneten Weihnachtsbaum zu suchen. Er blieb oft stundenlang fort und bei einem seiner Ausflüge war ihm ein Engel begegnet.

Eigentlich glaubte er nicht an Übersinnliches, aber der Engel war ihm vom ersten Moment an so vertraut gewesen, dass er gerne mit ihm sprach, wenn er alleine war.

Seiner Marie hatte er natürlich nichts davon erzählt, denn die hätte ihn sicher für verrückt gehalten und sich nur unnötige Sorgen gemacht.

Gottes Wille war unergründlich und vielleicht geschah ja ein Wunder und der Sohn stand zum diesjährigen Fest einfach in der Türe, so als wäre er nie fort gewesen.

Deshalb zündeten sie jeden Morgen eine Kerze für ihn an.

Während des Tages beobachteten sie die Kerze und solange sie brannte, konnten sie ein wenig hoffen.

Es war am 24. Dezember 1999. Über Nacht hatte es noch einmal heftig geschneit.

Wenn man aus dem Fenster schaute, sah man eine reine, wie gezuckert wirkende, zauberhafte Winterlandschaft.

Die Berge waren wie Wächter des Friedens und beleuchteten in ihrem winterweiß das ganze Land. Die friedvolle Stille berührte die Seelen der Menschen im Tal und in den Bergen.

Sepp ging hinaus um Holz für den Kamin zu holen, während seine Frau mit den Vorbereitungen für den Abend beschäftigt war. Von weitem kam eine junge Frau in Begleitung eines mittelgroßen, zotteligen, grauweißen Hundes, der aussah, wie ein kleiner Bär, auf den Hof zu.

Im Glanz der Wintersonne, wirkte sie mit ihrem lockigen, goldblonden Haaren wie das leibhaftig gewordenen Christkind. Er sah belustigt, wie schwer es ihr fiel, durch den hohen Schnee zu stapfen. Ganz offensichtlich kam sie aus der Großstadt, denn für den Winter im Gebirge war sie ganz und gar nicht ausgestattet. Sie trug weder Mütze noch Schal und auf wärmende Handschuhe hatte sie auch verzichtet.

Als sie näher kam sah er, dass es sich um ein junges Mädchen handelte, welches ihm irgendwie bekannt vorkam. Aufgrund der Anstrengung war sie ganz blass geworden und mit der eilig herbeigerufenen Marie brachte er die Unbekannte erst einmal ins Warme.

Die praktische Marie holte eine warme Decke und heißen Tee für den Gast und versorgte den Hund mit Wasser, bevor sie sich setzte und die junge Frau erwartungsvoll ansah.

Während die Fremde ihnen berichtete, rückten die beiden Alten immer näher aneinander und als der Marie lautlose Tränen über ihre Wangen liefen, nahm der Sepp ihre Hände in die seinen und auch er weinte still.

Die junge Frau hieß Christl und war 20 Jahre alt. Sie war bei der Mutter aufgewachsen, den Vater kannte sie nicht, denn ihre Eltern hatten nie geheiratet. Er war bei einer Schiffskatastrophe ums Leben gekommen, als sie noch ganz klein war.

Es war eine kurze, stürmische Romanze gewesen, die für ihre Mutter wohl bedeutender war als für den Geliebten, der sie verließ, als sie ihm von ihrer Schwangerschaft berichtete.

Im vergangenen Sommer war die Mutter gestorben und bei der Durchsicht ihrer Unterlagen, hatte sie Briefe und Fotos gefunden aus denen hervorging, wer ihr Vater war und woher er stammte.

Nun saß sie vor ihren Großeltern und fühlte sich recht unbehaglich weil, die noch kein einziges Wort zu ihr gesprochen hatten. Offensichtlich war sie ihnen nicht willkommen, deshalb machte sie sich traurig auf den Weg zurück ins Dorf, wo sie ein Zimmer gemietet hatte.

Auf ihrem Weg zurück sah sie sich immer wieder um und lauschte, aber niemand kam der sie einlud zu bleiben.

Sie hatte sich in dem kleinen, alten Haus ihrer Großeltern sehr heimelig gefühlt und glaubte noch ein wenig des Weihnachtsduftes riechen zu können.

Ihre Großeltern hatten bis zum heutigen Tag nichts von ihr gewusst, aber sie hatte gehofft, bei ihnen ein wenig Geborgenheit zu finden und den Abend mit ihnen gemeinsam verbringen zu dürfen.

Nachdem sie ihren Hund versorgt und ihn ermahnt hatte brav zu sein, machte sie sich bei Einbruch der Dämmerung, auf den Weg zur Christmesse. Nachdem die Messe, die sie als sehr tröstlich empfunden hatte, beendet war, strömten die Menschen hinaus um möglichst bald ins Warme zu gelangen.

Ungeduldig liefen die Kinder voraus, denn sie waren neugierig auf die Gaben, die das Christkind ihnen bescheren würde.

Vor Kälte zitternd strebte Christel ebenfalls dem Ausgang entgegen und hätte die beiden Leute, die hinter der Türe standen übersehen, wenn der Herr nicht zaghaft ihren den Arm berührt hätte. Die Großeltern sahen sie mit der stummen Bitte um Vergebung, ängstlich an. Ihr geheimer Weihnachtswunsch war in Erfüllung gegangen.

Alle umarmten sich glücklich und Christl fühlte sich von ganzem Herzen willkommen geheißen. Am letzten Heiligen Abend des alten Jahrtausends war ihnen allen eine neue, hoffnungsvolle Zukunft geschenkt worden. 

 

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