059             Kurzgeschichten

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       In jener Nacht

      Mein Name ist Blümchen

       Wer ist die Frau mit den gelben Socken?

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060In jener Nacht

Ich fand es immer ganz putzig, wenn ich meine Freunde besuchte und sich deren herzallerliebste vierbeinige Hausgenossen dekorativ auf Sofas und anderen Möbeln räkelten.

Ein paar Kratzer hier und da, wen stört das schon, mich jedenfalls nicht, aber bitte nicht in meinem Bett, auf meinem Sessel und schon gar nicht in meinem Auto. Für mich kam ein Haustier nicht in Frage. Meine Arbeit fraß mich auf, wer sollte sich kümmern, wenn ich verreiste oder krank wurde? Nein, nein kein Haustier für mich.

Meine letzte Reise lag zwar schon einige Jahre zurück, aber wer weiß denn schon was morgen passiert. Ich las gerade in einem spannenden Buch und weil es einer der letzten warmen Abende jenes Jahres zu werden versprach, öffnete ich die Terrassentüre und genoss den lauen Hauch des nahenden Herbstes.

Zur Feier meiner glücklichen Mußestunde trank ich ein Glas Wein und machte es mir in meinem Lieblingssessel so richtig gemütlich. Ich war gewiss nicht betrunken, aber ich glaubte meinen Augen nicht trauen zu können, denn auf meinem Sofa lag ein riesiges, völlig verdrecktes Ungeheuer, schwarz, mit verfilztem Fell und blutigen Pfoten.

Mein Sofa war fast zu klein, der Schwanz und sein Kopf hingen zu beiden Seiten über und große, traurige Augen schauten mich müde an. Wo kommt er wohl her? Jemand wird ihn vermissen, deshalb rufe ich die Polizei, dachte ich.

Sie sollte ihn ins Tierheim bringen oder den Besitzer finden. Hoffentlich dauerte es nicht zu lange. Ich mochte ihn nicht, aber ich gab ihm ein wenig Wasser und ein paar Reste meines übrig gebliebenen Abendessens.

Die Bestie ein bisschen zu säubern konnte auch nicht schaden. Ich zerrte ihn also an seinen langen Haaren von meinem Sofa. Es war ruiniert und mein Herz blutete.

Er folgte mir vorsichtig in mein Badezimmer, und während ich noch die Wassertemperatur regulierte, sprang er schon in die Wanne, biss in den Wasserstrahl und schien sich pudelwohl zu fühlen.

Ich schäumte ihn ein und schrubbte ihn sauber, aber bevor ich nach einem Handtuch greifen konnte um ihn trockenzureiben, schüttelte er sich ausgiebig und gab dabei ganz wohlige Geräusche von sich.

Als ich in den Spiegel schaute, sah mich von dort aus eine Vogelscheuche an, mit hängender Frisur und verlaufenem Make-up, aber sie lächelte.

Wo kam nur dieses Lächeln her? Der ganze Raum stand unter Wasser. Ich hasste Haustiere und ganz speziell dieses, aber weil ich schon einmal dabei war, wollte ich das Ungeheuer noch geschwind trocken fönen.

Mit Erstaunen stellte ich am Ende fest, dass ich es mit einem außergewöhnlich schönen Exemplar zu tun hatte, riesengroß und auch offenbar nicht dumm. Sanft sah er mich an und kam mir dabei so vertraut vor.

Zum Dank schleckte er mir mit weicher, feuchter Zunge liebevoll über das ganze Gesicht. Als es dann später an meiner Haustüre läutete, sperrte ich den Hund in mein Schlafzimmer, damit er niemanden erschrecken konnte.

Ein Polizist stand vor mir, er wollte den Ausreißer abholen.

Ich gestand ihm, dass ich Hundehasser war und froh darüber, endlich von diesem Eindringling befreit zu werden. Ich schaute mich um, konnte den Hund nicht finden und hob bedauernd die Schultern, um zu signalisieren, dass mein unerwünschter Gast inzwischen wohl das Weite gesucht hatte. Später ging ich in mein Schlafzimmer, denn es war spät geworden, und ich schon sehr müde.

Unter meiner Decke, mit dem Kopf auf meinem Kissen, lag Zottel, er schnarchte laut, und ab und zu schmatzte er, so als würde er von einem besonders guten Fressen träumen.

In dieser Nacht schlief ich auf dem Sofa, am nächsten Morgen wollte ich ihn endgültig vertreiben. Dies ist jetzt schon ein paar Jahre her, wir streiten uns ständig, denn er gehorcht nur wenn er will oder wenn ich ihn mit einem Leckerbissen besteche.

Zum Schmollen zieht er sich immer in mein Schlafzimmer zurück und wenn ihn etwas ängstigt, versteckt er sich unter meiner Bettdecke, wie in jener Nacht.

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057Mein Name ist Blümchen

und ich suche ein neues Zuhause. Ich weiß, es ist ein blöder Name für einen stolzen Kater wie mich, aber mein Mensch, der, bei dem ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht habe, hat mich so genannt, weil ich Blumen über alles liebe.

Einmal war ich alleine Zuhause und als es mir langweilig wurde und ich ein wenig Liebe brauchte, habe ich die Tapete gestreichelt. Sie hat schöne orange Blumen, die ganz fröhlich aussehen.

Ich habe mich an sie geschmiegt und sie mit meinen weichen Pfoten geneckt, aber sie waren stur und hatten mich offensichtlich auch nicht lieb, deshalb habe ich etwas fester gedrückt und als das auch nichts nützte, wurde ich zugegebenermaßen ein wenig übermütig und die schöne Blumentapete bekam ein paar ganz kleine Risse.

Die sahen sehr schön aus und man konnte ganz lustig damit spielen, deshalb weiß ich auch gar nicht, warum mein Mensch nicht mehr mit mir spricht.

Er ist so komisch, seitdem er gestern von seiner Arbeit nach Hause kam. Sofort hat er mit mir geschimpft, aber mich gestreichelt und mit mir gespielt, hat er seitdem nicht mehr. Irgend etwas ist ihm wohl schief gegangen und ich muss jetzt darunter leiden.

Ich versuche artig zu sein und spiele ganz alleine. Zum Glück gibt es ja noch die schönen bunten Blümchen auf der Fensterbank, mit denen ich spielen kann. Nur leider verschwinden sie immer gerade dann, wenn ich sie besonders lieb gewonnen habe.

Ich glaube, mein Mensch ist eifersüchtig auf meine innigen Beziehungen zu meinen Blumenfreunden. Seitdem er immer so genervt ist, habe ich ein wenig Angst vor ihm und beschlossen heute auszureißen und mir ein neues Zuhause zu suchen, aber vielleicht bleibe ich ja auch noch bis morgen.

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058Wer ist die Frau mit den gelben Socken?

 

Ja, ich bin eine Dichterin. Obwohl ich eigentlich nie schreiben wollte, werden meine Texte gelesen und meiner Gedichte dienen einigen Menschen als Lebenshilfe. In den Schulen unserer Region wird sogar im Unterricht mit ihnen gearbeitet. Auf welch verschlungenen Pfaden es dazu kam, erzähle ich in dieser Geschichte.

Ich war gerade 18 Jahre alt, als meine Mutter starb und mir, außer meinen drei jüngeren Geschwistern und jede Menge Schulden, auch ein von ihr selbst verfasstes Buch, hinterließ.

Da ich seit meiner Kindheit gelesen hatte, konnte ich gut geschriebenes, von schlechtem sehr wohl unterscheiden. Dieses Machwerk war so grottenschlecht, dass es eigentlich in den Papierkorb gehört hätte und führte dazu, dass der Sockel, auf den ich meine Mutter nach ihrem Tode gestellt hatte, ganz arg ins Wanken geriet.

Ich hob es auf als Erinnerung an das tragische Schicksal meiner Mutter und als authentisches Dokument, so peinlich es meiner Meinung nach auch war.

Ungefähr zu jenem Zeitpunkt verließ ich meine eigene Identität. Nicht im Sinne einer Geisteskrankheit, nein, ich lebte nach außen hin eher so, wie man es von einer treu sorgenden Hausfrau und Mutter, der das Wohl ihrer Lieben über alles geht, erwarten konnte, aber ich war gerade erst 18 Jahre alt geworden.

Phasenweise passte alles nicht so recht zusammen, denn plötzlich benahm ich mich wie eine Diva, hielt Hof, vergnügte mich mit ständig wechselnden Verehrern,   um gleich darauf wieder an den Kochtopf zu eilen. Niemand wurde schlau aus mir, am allerwenigsten ich selbst.

Im Laufe der nächsten zwanzig Jahre lebte ich viele Leben.

Unmittelbar nach dem Tode meiner Mutter ging es für meine Geschwister und mich erst einmal darum, irgendwie unser tägliches Leben zu finanzieren. Deshalb gab ich mein gerade begonnenes Germanistikstudium auf und gehörte bald zum Bodenpersonal am Flughafen unserer Stadt.

Ich kämpfte stets mit meinem schlechten Gewissen, denn ich hatte meiner Mutter zum Abschied versprochen, meine Ausbildung zu beenden und auch dafür zu sorgen, dass meine Geschwister allesamt etwas anständiges lernen würden.

Der größte Wunsch meiner Mutter war, dass ihre Kinder einen Schulabschluss und später einmal einen Beruf haben sollten, der sie gut ernährte und aus der Masse hervorhob, denn sie war der uneheliche Spross einer Adelsfamilie und litt Zeit ihres Lebens darunter, nicht anerkannt worden zu sein.

Als allein stehende Frau mit vier Kindern, hatte sie kaum Zeit für ihre eigene Entwicklung und plötzlich war es zu spät gewesen. Nachdem sie krank wurde, verlor sie auch bald all ihre Energie und dann war es sehr schnell zu Ende gegangen.

Mein Bruder Christian ist ein bekannter Rechtsanwalt geworden. Er genießt sein Ansehen und seinen Wohlstand aber ich finde, dass er sich zu schnell mit zu wenig zufrieden gegeben hat, denn er hat sein Leben meiner Meinung nach, viel zu sehr nach Äußerlichkeiten ausgerichtet. Was mich am meisten irritiert, ist die Tatsache, dass ich ihn seit Jahren nicht mehr lachen sah. Selbst wenn er voller Stolz seinen Besitz vorführt, spürt man bei ihm keine Freude.

Meine jüngste Schwester Eva wurde Grundschullehrerin und geht in ihrem Beruf völlig auf. Sie verzichtete auf eine eigene Familie und lebt, wie mir scheint im reinen, mit sich selbst. Voller Liebe berichtet sie von ihren Schulkindern und manchmal lässt sie mich auch eine Arbeit lesen. Ein ganz besonders schöner, von einem zehnjährigen Mädchen verfasster Aufsatz ist folgender:

"Ich bin nur ein Kind.

Manchmal ist es schwer ein Kind zu sein, denn keiner hört mir zu. Dabei hätte ich euch doch so viel zu sagen, aber niemand hat Zeit. Ich werde es mit einem Trick versuchen, dann werdet ihr mir zuhören und mich vielleicht auch besser verstehen.

Heute trage ich die Schuhe meiner Mutter und ihren Hut. Alle denken ich sei schon groß und die Erwachsenen mit ihren wichtigen Minen werden nicht merken, dass ich noch ein Kind bin und wenn ich ihnen sage, wie schön es ist zu leben und geliebt zu werden und wie spannend es ist, täglich etwas Neues zu lernen, werden sie hoffentlich nachdenklich und vielleicht sehen sie ja, wenigstens für einen Augenblick, den blauen Himmel, hören das Zwitschern der Vögel und mit ganz viel Glück, halten sie inne und genießen die Sonne und den Geschmack des Lebens.

Dann lege ich Hut und Schuhe ab und alle werden mich niedlich finden, aber niemand hört mehr zu."

Meine Schwester Claudia wurde Reitlehrerin. Nach einem schweren Unfall war sie monatelang an den Rollstuhl gefesselt und wir Geschwister hatten große Angst um sie, denn sie war so verzweifelt, dass sie ihr Leben vorzeitig beenden wollte. Deshalb ließen wir sie in der ersten Zeit nach dem Unfall keine Minute aus den Augen. Diese Zeit war für uns alle eine echte Belastungsprobe.

Ohne viel darüber nachzudenken, lernte ich in der folgenden Zeit reiten und übernahm Schritt für Schritt, die Rolle meiner Schwester. Immer wenn es ihr besonders schlecht ging, versorgte ich ihre Pferde und später übernahm ich sogar ihren Unterricht.

Dabei hatte ich Zeit meines Lebens Angst vor Pferden, trotzdem wurde aus mir eine ganz passable Reiterin und zu meinem eigenen Erstaunen gewann ich sogar ein paar Turniere. Die Pokale und Schleifen zieren noch heute ein Regal in meinem Atelier.

Mein eigenes Leben entglitt mir immer mehr.

Ich war eine schöne junge Frau. Lange blonde Haare, blauen Augen und eine groß gewachsene sportliche Figur machten mich für das andere Geschlecht anziehend. Ich hatte viele Affären und war unersättlich, ständig auf der Suche nach dem großen Kick. Meine Ehe mit einem Hamburger Geschäftsmann war schon nach drei Jahren wieder zu Ende.

Ich sehnte mich nach Liebe und Zärtlichkeit. Ich wollte keine Diamantringe, kein neues Auto, ich hatte schon alle materiellen Dinge, die ich mir nur wünschen konnte.

Ich wollte spüren, dass ich für jemanden wichtig war. Was ich empfand, war aber nur eine große Leere, und so blieb ich die ewig Suchende und spielte die perfekte Ehefrau, wenigstens für kurze Zeit.

Einige Jahre und viele gescheiterte Lieben später, las ich das Buch meiner Mutter noch einmal, aus reiner Nostalgie. Es war noch schlechter geworden, so schien es. Aber ich fand heraus, dass nicht ich große blonde Hamburger Jungs mit blauen Augen bevorzugte, sondern diese dem Idealbild meiner Mutter in deren Mädchenträumen entsprachen.

Aufgewacht bin ich nach der Lektüre damals noch nicht, aber aufgemerkt hatte ich, das ist mir auch heute noch im Gedächtnis.

Ich fand es lustig, mit meinem Mann, quasi in Vertretung ein schönes, blondes, ganz besonders männliches Exemplar gefunden zu haben. Als ich ihn bei einem Seitensprung erwischte und es mich völlig kalt lies, beendete ich diesen Lebensabschnitt.

Er schickte mir einen Brief:

"Liebe Laura,

seit du fort bist ahne ich, was du mir sagen wolltest. Weil ich zwar deine Worte hören, aber den Sinn nicht verstehen konnte, ließ ich dich gehen.

Enttäuscht und ohne Illusionen suchtest du die Abgeschiedenheit, die für dich Freiheit bedeutet und von mir lange mit Verlassensein verwechselt wurde. Ich werde dich deinem Alleinsein überlassen, nicht jedoch der Einsamkeit.

Dein Klaus"

Es gab kein Zurück. Obwohl meinem Mann seine eigene selbstdarstellerische Grausamkeit sehr schnell bewusst wurde, stand mein Entschluss fest. Ich wollte etwas anderes. Mehr, als nur oberflächliche Zufriedenheit.

Zu diesem Zeitpunkt begann ich mein Bewusstsein langsam zu öffnen.

Ich fühlte mich als Versagerin, war völlig isoliert und mir wurde plötzlich bewusst, dass ich mich nicht in einem romantischen Film mit Happyend befand, sondern in der realen Welt.

Mit ihrer praktischen Veranlagung hatte meine Schwester Claudia mich in der Vergangenheit schon öfter wieder geerdet und so war es auch diesmal. Wir verabredeten uns zu einem Einkaufsbummel.

Es war schön, unbeschwert und verschwenderisch in den Boutiquen und Kaufhäusern zu stöbern. Claudia war in diesem Sommer auf dem Gelb-Tripp und griff jedes mal zuerst nach allen gelben Artikeln.

Gelb war mir ein Gräuel, es steht mir nicht, denn ich bin sehr hellhäutig und zu meinen weißblonden Haaren passt es auch nicht wirklich. Aber für meine Schwester fand ich, war es eine wirklich schöne Farbe. Ihre braunen Haare und die grünen Augen kamen damit erst so richtig zur Geltung.

Es war ein ganz besonders schöner Tag, an dessen Ende wir voll bepackt und albern lachend nach Hause kamen und unsere Schätze sichteten.

So wie sie war, hatte meine Schwester ganz gezielt eingekauft und letztendlich doch auf ihr geliebtes Gelb verzichtet, es war ihr zu auffällig gewesen und sie hatte sich dann doch lieber für gedecktere Farben entschieden.

Ich hatte an diesem Tag nichts für mich gefunden, was meinem Geldbeutel und meinem Geschmack entsprochen hätte. Bis auf eine Ausnahme, ich hatte ein Paar quietsch gelbe Socken gekauft. Ich habe sie noch und wenig später bekamen sie dann auch noch eine ganz besondere Bedeutung für mich.

Ungefähr zehn Tage später, an einem Montag gegen Mittag, klingelte mein Telefon. In meiner Magengegend breitete sich ein ungutes Gefühl aus und ich griff ängstlich zum Hörer. Was man mir mitteilte war so ungeheuerlich, dass ich wortlos den Hörer auflegte und einfach versuchte zu vergessen, was ich soeben gehört hatte.

Als sich dann nach wenigen Minuten das Telefon erneut bemerkbar machte, konnte ich mich der Realität nicht länger entziehen.

Claudia war verunglückt.

Ich zog mich in Windeseile an und raste mit meinem kleinen Auto zum Krankenhaus. Ich betete "Lieber Gott, lass sie leben, sie ist doch noch so jung, bitte, bitte, bitte!"

Weil ich keinen Parkplatz fand, stellte ich mein Auto direkt vor der Klinik, im absoluten Halteverbot, ab. Ich raste durch die Gänge, suchte einen Arzt, eine Schwester, jemanden der mir eine Auskunft geben konnte.

Plötzlich sah ich ganz am Ende des Ganges eine mir bekannte, sehr vertraute Person sitzen. Es war meine jüngste Schwester Eva, sie hatte unsinnigerweise Tomaten in der Hand, die sie mir mit einer hilflosen Geste und völlig verweinten Augen entgegenstreckte.

Als der Anruf aus dem Krankenhaus kam, hatte sie noch daran gedacht, dass unsere Schwester so gerne Tomaten aß. Es war inzwischen 13.30 Uhr. Ihre verzweifelte Geste bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen.

Die herbeieilende Schwester informierte uns kurz und völlig emotionslos über die wesentlichen Einzelheiten. Bei einem Ausritt ins offene Gelände hatte Claudias Pferd gescheut, als zuerst ein bellender Hund und dann ein Jogger an den beiden vorbei gelaufen waren.

Bei dem Versuch das Pferd zu beruhigen verlor meine Schwester die Zügel aus der Hand und fiel rückwärts hinunter. Beim aufbäumen, verlor ihr Pferd das Gleichgewicht, knickte mit den Hinterläufen ein und zerquetschte meiner Schwester die Wirbelsäule, ihr Genick war gebrochen, sie muss auf der Stelle tot gewesen sein.

Der Jogger, der über sein Handy sofort die Rettung informierte, verschwand von der Unfallstelle, nachdem er dem Notarzt die nötigsten Informationen gegeben hatte. Der Arzt konnte nur noch ihren Tot feststellen.

Ich wollte sie noch ein letztes Mal sehen und bat Eva mit hineinzukommen. Sie konnte nicht, saß nur dort wie erstarrt.

So ging ich alleine.

Bei hellem Sonnenschein betrat das Zimmer mit bangem Schmerz, aber überall spürte ich Claudia und ich fühlte mich willkommen. Nur die Stille war fast greifbar. Ruhig lag sie dort.

Ich wollte Abschied nehmen und hatte ihr noch so vieles zu sagen. Weil ich sie spüren konnte, sprach ich und in diesen Stunden, waren wir uns zum ersten mal ganz nah.

Nachdem ich dann später ihre kalten Hände ein letztes Mal berührte, konnte ich das nun leere Zimmer ohne Trauer verlassen.

Ich lies sie los und mein Herz wurde ganz weit, weil ich spürte, dass ihre Sehnsucht nach der anderen Welt größer war, als die Bindung an das weltliche Leben.

Als ich das Krankenhaus verließ suchte ich eine Weile nach meinem Auto. Ich hatte vergessen, wo ich es abgestellt war. Nach einer Weile kam der Pförtner mit einem fiesen Grinsen aus seinem Käfig und fragte, ob ich einen roten R5 fahren würde, dieser wäre vor ein paar Minuten abgeschleppt worden. Es täte ihm leid, aber das Auto hätte im Halteverbot gestanden und das ginge ja nicht.

Apathisch sah ich durch ihn hindurch und machte mich zu Fuß auf den Heimweg. Ich brauchte Stunden und kam dann am Abend, total mit dem Saft der zerquetschten Tomaten bekleckert, Zuhause an.

Ich räumte in den nächsten Wochen die kleine Wohnung aus und löste den vertrauten Haushalt Stück für Stück auf. Wir Geschwister behielten ein paar Erinnerungsstücke.

Christian übernahm die von unserer Schwester mit sehr viel Stolz gepflegte Medaillensammlung, Birgit kümmert sich auch heute noch um das verwaiste Pferd meiner Schwester, während ich ihre Zeichenmappe und die Malutensilien an mich genommen hatte.

In den darauf folgenden Monaten nahm ich diese Dinge immer wieder zur Hand und irgendwann hatte ich begonnen zu malen. Zuerst sehr zaghaft, bald jedoch mit mehr Mut und Freude an der Arbeit mit den Farben. Der Geruch von Farbe und Leinwand vermittelt mir bis heute ein Gefühl von Geborgenheit und oft sehe ich dann Claudias lachendes Gesicht vor mir und höre den tröstlichen Klang ihrer Stimme.

Der heimliche Traum meiner Schwester war es immer gewesen, einmal eine anerkannte Künstlerin zu werden. Nun die Erfüllung dieses Traumes habe ich stellvertretend für sie übernommen.

Nachdem ich meine ersten zaghaften Versuche vernichtet hatte, studierte ich bei verschiedenen Professoren, besuchte Workshops und fächerte meine künstlerische Ausbildung immer weiter. Ich stürzte mich mit großem Eifer in die Kunstszene und wurde, oh Wunder, zu einer in Kunstkreisen anerkannten Malerin und Aktionskünstlerin. Es vergeht kein Monat, in dem nicht in der Zeitung oder im Fernsehen über mich berichtet wird.

Vor ein paar Jahren verließ ich die Großstadt und mietete mich auf einem bayrischen Bauernhof ein. Ich interessierte mich plötzlich für alternative Lebensformen und gesunde Ernährung. Fast wie von selbst wurde mein neues Heim zum Anlaufpunkt für viele Ratsuchenden und bald gehörte ich wie ein altes Mitglied zu der kleinen Gemeinde, in der ich auch heute noch lebe.

Eines Tages las ich in meinen alten Tagebüchern, die ich seit meiner Kindheit führe. Zunächst fiel mir gar nichts auf, außer vielleicht die vielen Fehler, die ich beim Schreiben gemacht hatte.

Als ich dann aber später meinen täglichen Spaziergang direkt an der Salzach entlang machte, dachte ich noch einmal über das gelesene nach und plötzlich sah ich alles ganz klar.

Ich weinte zwei Tage lang, als mir bewusst wurde, dass ich in den letzten 20 Jahren niemals mein eigenes Leben gelebt hatte.

Zuerst heiratete ich einen blonden Mann, wie ihn meine Mutter für sich erträumt hatte, dann war ich eine Reiterin, später eine Künstlerin und noch später eine Buchautorin geworden. Ich hatte gelbe Socken gekauft und sie getragen, obwohl ich gelb hasste, aber dass ich meine eigenen Träume, die ich meinem Tagebuch anvertraut hatte, schon seit Jahren lebte, hatte ich gar nicht wahrgenommen.

Es erschütterte mich zutiefst, dass ich die Fähigkeit, mich zu spüren, meine eigenen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen, völlig verlernt hatte. Ich hatte damals geträumt, in einem Haus direkt am Wasser, mit den Bergen in greifbarer Nähe zu wohnen, umgeben von Menschen, die mich wirklich lieben.

Dies alles habe ich hier in meiner neuen Heimat gefunden und ich bin endlich dort angekommen, wo ich hingehöre.

Bei mir selber.

Heute bewirtschafte ich meinen alten Hof und lebe größtenteils von selbst erzeugten Produkten. Jenseits aller Eitelkeiten habe ich mein kleines privates Glück gefunden und lebe endlich mein eigenes Leben.

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